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Nicht Vibe Coding: was Agentic Engineering wirklich ist

Zwei Begriffe machen gerade die Runde – Agentic Engineering und Loop Engineering. Was dahintersteckt, und warum es der Grund ist, dass heute ein Einzelner liefert, wofür früher ein Team nötig war.

Anfang 2025 hat Andrej Karpathy einen Begriff geprägt, der hängengeblieben ist: Vibe Coding. Seine eigene Beschreibung war entwaffnend ehrlich. Man sehe etwas, sage etwas, lasse etwas laufen, kopiere etwas hin und her, und meistens funktioniere es. „Es ist nicht wirklich Programmieren”, sagte er dazu.

Anderthalb Jahre später ist aus dem Vibe eine Disziplin geworden. Sie hat einen Namen bekommen, den Sie in den nächsten Monaten öfter hören werden, und es lohnt sich, ihn früh richtig einzuordnen. Denn was dahintersteckt, erklärt eine Frage, die viele Unternehmerinnen und Unternehmer gerade umtreibt: Wie kann ein einzelner Entwickler heute in Wochen liefern, wofür früher ein ganzes Team Monate brauchte.

01

Zwei Wörter, die man nicht verwechseln sollte

Vibe Coding und Agentic Engineering benutzen dasselbe Werkzeug – einen KI-Agenten, der Code schreibt. Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug. Er liegt darin, wer am Ende für das Ergebnis geradesteht.

2025

Vibe Coding

Man beschreibt, was man will, und vertraut dem Ergebnis. Man liest nicht jede Zeile. Das hebt den Boden an – plötzlich kann jeder etwas bauen.

Schnell – aber ungeprüft
Grenze
2026

Agentic Engineering

Jemand, der den Qualitätsanspruch schon kennt, nutzt Agenten, um schneller zu werden – ohne den Anspruch fallen zu lassen. Man hofft nicht, dass der Agent recht hatte. Man prüft es.

Schnell – und geprüft

Karpathy hat die Linie später selbst gezogen. Vibe Coding hebe den Boden für alle an, was mit Software überhaupt möglich sei. Agentic Engineering halte die Messlatte, die professionelle Softwareentwicklung immer hatte. Der Kern des Unterschieds ist die Verantwortung für die Prüfung. Man muss wissen, wie ein korrektes Ergebnis aussieht, und man kontrolliert, ob es vorliegt.

Für Sie als Auftraggeberin ist das die eigentlich wichtige Zeile. Ein hübscher Prototyp, den niemand geprüft hat, ist kein Wert – er ist ein Risiko, das noch nicht sichtbar ist. Der Unterschied zwischen beidem entscheidet, ob Sie in vier Wochen etwas Anklickbares haben oder etwas, das auch nächstes Jahr noch läuft.

02

Vom Prompten zum Loop

Im Juni 2026 hat sich in diesem Feld etwas verschoben, das den zweiten Begriff hervorgebracht hat. Nicht in einem Forschungslabor, sondern in der täglichen Praxis der Leute, die diese Werkzeuge bauen.

Herkunft Loop Engineering · Juni 2026
2025
Andrej Karpathy prägt „Vibe Coding" – der KI zusehen und hoffen.
Juni 26
Boris Cherny, Kopf hinter Claude Code bei Anthropic: „Ich prompte Claude nicht mehr. Ich habe Loops, die laufen. Die prompten Claude und finden heraus, was zu tun ist."
07. Juni
Peter Steinberger schreibt: Man solle Coding-Agenten nicht mehr selbst anweisen, sondern die Loops bauen, die sie anweisen.
08. Juni
Addy Osmani (Google Chrome) gibt dem Ganzen im Essay „Loop Engineering" eine Anatomie – aus einer Beobachtung wird eine Disziplin.
Innerhalb einer Woche hatte eine Arbeitsweise, die vorher niemand benannt hatte, einen Namen und eine Form.

Der Satz von Boris Cherny ist der ganze Punkt in zwei Zeilen. Die Arbeit besteht nicht mehr darin, dem Agenten eine gute Anweisung zu geben. Sie besteht darin, das System zu bauen, das den Agenten immer wieder anstößt, sein Ergebnis prüft und ihm sagt, was als Nächstes dran ist.

Addy Osmani hat Loop Engineering knapp gefasst: der Bau eines kleinen Systems, das die Arbeit findet, sie verteilt, sie prüft, festhält was erledigt ist, und dann entscheidet, was als Nächstes kommt.

Die Intelligenz steckt nicht mehr in der einzelnen Anweisung. Sie steckt in der Schleife und in den Leitplanken, die sie in Bahnen halten.

03

Warum das mehr ist als ein neuer Modebegriff

Die Fachwelt sortiert das inzwischen als einen Stapel aus vier Ebenen. Jede beantwortet eine andere Frage, und jede tiefere Ebene trägt die darüber.

1

Prompt Engineering

Wie formuliere ich diese eine Anweisung?

2

Context Engineering

Was sieht das Modell in diesem Aufruf – welche Daten, welche Regeln, welches Gedächtnis?

3

Loop Engineering

Welcher Ablauf wiederholt sich selbst, bis ein prüfbares Ziel erreicht ist?

4

Harness Engineering

Welcher Code führt Loop, Werkzeuge und Prüfung zuverlässig aus?

Die untere Ebene macht die obere nicht überflüssig. Im Gegenteil – ein Loop verstärkt einen Fehler im Kontext, statt ihn zu heilen. Wer die unteren Ebenen beherrscht, kann die oberen automatisieren. Wer sie nicht beherrscht, automatisiert seine eigenen Fehler.

Der entscheidende Baustein für die Qualität sitzt in Osmanis Anatomie an einer unscheinbaren Stelle: ein eigener, getrennter Agent, der nur prüft. Der Agent, der den Code schreibt, benotet nicht seine eigene Arbeit. Ein zweiter kontrolliert gegen Tests, gegen die Vorgaben, gegen die Realität. Genau das ist der Mechanismus, der aus „hoffen, dass es passt” ein „geprüft, dass es passt” macht.

04

Was das für Sie bedeutet

Die ehrliche Antwort auf die Eingangsfrage lautet also nicht „die KI ist so gut geworden”. Sie lautet: Ein erfahrener Kopf arbeitet nicht mehr auf der Ebene einzelner Codezeilen, sondern eine Etage höher – er baut und überwacht die Schleifen, die den Code erzeugen und prüfen. Ein Mensch orchestriert, wo früher ein Team getippt hat.

Der Hebel ist nicht Tippgeschwindigkeit, sondern die Schleife und ihre Prüfung.
Die Qualität kommt aus eingebauter Kontrolle, nicht aus der Hoffnung auf ein gutes Modell.
Erfahrung wird wichtiger, nicht unwichtiger – jemand muss wissen, wie „richtig" aussieht.

Das erklärt auch, warum derselbe Werkzeugkasten in unterschiedlichen Händen etwas völlig anderes leistet. Wer die Messlatte nicht kennt, betreibt Vibe Coding und bekommt einen Prototyp, der beim ersten echten Datensatz kippt. Wer sie kennt, betreibt Agentic Engineering und liefert Software, die in Betrieb geht.

Was Sie jetzt vielleicht denken
„Ist das nicht nur ein neuer Name fürs Programmieren mit ChatGPT?"
Nein. Programmieren mit ChatGPT ist die Prompt-Ebene – eine Frage, eine Antwort. Agentic Engineering ist der Bau des Systems, das ohne ständige Nachfrage arbeitet und sich selbst prüft. Der Unterschied ist der zwischen einem Werkzeug bedienen und eine Fertigung aufbauen.
„Wenn die KI sich selbst prüft – wer garantiert die Qualität?"
Sie prüft sich nicht selbst. Ein getrennter Prüf-Agent kontrolliert gegen Tests und Vorgaben, und ein erfahrener Mensch verantwortet die Vorgaben und das Endergebnis. Die Kontrolle ist eingebaut, nicht wegdelegiert.
„Brauche ich dafür jetzt ein Team von KI-Spezialisten?"
Das Gegenteil ist der Punkt. Ein einzelner erfahrener Entwickler, der Loops orchestriert, ersetzt die Arbeit, für die früher ein Team nötig war. Weniger Köpfe, nicht mehr.