Nicht Vibe Coding: was Agentic Engineering wirklich ist
Zwei Begriffe machen gerade die Runde – Agentic Engineering und Loop Engineering. Was dahintersteckt, und warum es der Grund ist, dass heute ein Einzelner liefert, wofür früher ein Team nötig war.
Anfang 2025 hat Andrej Karpathy einen Begriff geprägt, der hängengeblieben ist: Vibe Coding. Seine eigene Beschreibung war entwaffnend ehrlich. Man sehe etwas, sage etwas, lasse etwas laufen, kopiere etwas hin und her, und meistens funktioniere es. „Es ist nicht wirklich Programmieren”, sagte er dazu.
Anderthalb Jahre später ist aus dem Vibe eine Disziplin geworden. Sie hat einen Namen bekommen, den Sie in den nächsten Monaten öfter hören werden, und es lohnt sich, ihn früh richtig einzuordnen. Denn was dahintersteckt, erklärt eine Frage, die viele Unternehmerinnen und Unternehmer gerade umtreibt: Wie kann ein einzelner Entwickler heute in Wochen liefern, wofür früher ein ganzes Team Monate brauchte.
Zwei Wörter, die man nicht verwechseln sollte
Vibe Coding und Agentic Engineering benutzen dasselbe Werkzeug – einen KI-Agenten, der Code schreibt. Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug. Er liegt darin, wer am Ende für das Ergebnis geradesteht.
Vibe Coding
Man beschreibt, was man will, und vertraut dem Ergebnis. Man liest nicht jede Zeile. Das hebt den Boden an – plötzlich kann jeder etwas bauen.
Agentic Engineering
Jemand, der den Qualitätsanspruch schon kennt, nutzt Agenten, um schneller zu werden – ohne den Anspruch fallen zu lassen. Man hofft nicht, dass der Agent recht hatte. Man prüft es.
Karpathy hat die Linie später selbst gezogen. Vibe Coding hebe den Boden für alle an, was mit Software überhaupt möglich sei. Agentic Engineering halte die Messlatte, die professionelle Softwareentwicklung immer hatte. Der Kern des Unterschieds ist die Verantwortung für die Prüfung. Man muss wissen, wie ein korrektes Ergebnis aussieht, und man kontrolliert, ob es vorliegt.
Für Sie als Auftraggeberin ist das die eigentlich wichtige Zeile. Ein hübscher Prototyp, den niemand geprüft hat, ist kein Wert – er ist ein Risiko, das noch nicht sichtbar ist. Der Unterschied zwischen beidem entscheidet, ob Sie in vier Wochen etwas Anklickbares haben oder etwas, das auch nächstes Jahr noch läuft.
Vom Prompten zum Loop
Im Juni 2026 hat sich in diesem Feld etwas verschoben, das den zweiten Begriff hervorgebracht hat. Nicht in einem Forschungslabor, sondern in der täglichen Praxis der Leute, die diese Werkzeuge bauen.
Der Satz von Boris Cherny ist der ganze Punkt in zwei Zeilen. Die Arbeit besteht nicht mehr darin, dem Agenten eine gute Anweisung zu geben. Sie besteht darin, das System zu bauen, das den Agenten immer wieder anstößt, sein Ergebnis prüft und ihm sagt, was als Nächstes dran ist.
Addy Osmani hat Loop Engineering knapp gefasst: der Bau eines kleinen Systems, das die Arbeit findet, sie verteilt, sie prüft, festhält was erledigt ist, und dann entscheidet, was als Nächstes kommt.
Die Intelligenz steckt nicht mehr in der einzelnen Anweisung. Sie steckt in der Schleife und in den Leitplanken, die sie in Bahnen halten.
Warum das mehr ist als ein neuer Modebegriff
Die Fachwelt sortiert das inzwischen als einen Stapel aus vier Ebenen. Jede beantwortet eine andere Frage, und jede tiefere Ebene trägt die darüber.
Prompt Engineering
Wie formuliere ich diese eine Anweisung?
Context Engineering
Was sieht das Modell in diesem Aufruf – welche Daten, welche Regeln, welches Gedächtnis?
Loop Engineering
Welcher Ablauf wiederholt sich selbst, bis ein prüfbares Ziel erreicht ist?
Harness Engineering
Welcher Code führt Loop, Werkzeuge und Prüfung zuverlässig aus?
Die untere Ebene macht die obere nicht überflüssig. Im Gegenteil – ein Loop verstärkt einen Fehler im Kontext, statt ihn zu heilen. Wer die unteren Ebenen beherrscht, kann die oberen automatisieren. Wer sie nicht beherrscht, automatisiert seine eigenen Fehler.
Der entscheidende Baustein für die Qualität sitzt in Osmanis Anatomie an einer unscheinbaren Stelle: ein eigener, getrennter Agent, der nur prüft. Der Agent, der den Code schreibt, benotet nicht seine eigene Arbeit. Ein zweiter kontrolliert gegen Tests, gegen die Vorgaben, gegen die Realität. Genau das ist der Mechanismus, der aus „hoffen, dass es passt” ein „geprüft, dass es passt” macht.
Was das für Sie bedeutet
Die ehrliche Antwort auf die Eingangsfrage lautet also nicht „die KI ist so gut geworden”. Sie lautet: Ein erfahrener Kopf arbeitet nicht mehr auf der Ebene einzelner Codezeilen, sondern eine Etage höher – er baut und überwacht die Schleifen, die den Code erzeugen und prüfen. Ein Mensch orchestriert, wo früher ein Team getippt hat.
Das erklärt auch, warum derselbe Werkzeugkasten in unterschiedlichen Händen etwas völlig anderes leistet. Wer die Messlatte nicht kennt, betreibt Vibe Coding und bekommt einen Prototyp, der beim ersten echten Datensatz kippt. Wer sie kennt, betreibt Agentic Engineering und liefert Software, die in Betrieb geht.