Ihr Altsystem ist kein Hindernis für KI – es ist der beste Startpunkt
In fast jedem Gespräch über KI kommt irgendwann die halb entschuldigende Bemerkung: „Bei uns läuft aber noch eine AS/400." Das ist kein Eingeständnis. Das ist die Chance.
In fast jedem Gespräch über KI kommt irgendwann dieser Satz. Meist mit einem Schulterzucken, halb entschuldigend:
„Bei uns läuft aber noch eine AS/400.”
Oder ein ERP, das seit 1998 gewachsen ist. Oder eine Datenbank aus 2003, an die sich keiner mehr traut. Der Satz kommt als Eingeständnis.
Er ist aber keins.
Das Problem ist nicht das System. Es ist das Wissen.
Die alten Systeme laufen. Sie laufen sogar auffällig gut – seit Jahrzehnten, stabil, ohne Ausfall. Das ist der Grund, warum sie noch da sind.
Was verschwindet, sind die Menschen. Der durchschnittliche COBOL-Entwickler ist Mitte fünfzig. Jedes Jahr geht rund ein Zehntel in Pension. Bis 2030 sind es über neunzig Prozent.
Mit ihnen geht nicht der Code. Der bleibt. Es geht das Warum.
Warum rechnet der Rabatt bei diesem einen Kundentyp anders? Warum gibt es diese Ausnahme im Lagerabgang? Welche der seltsamen Verhaltensweisen sind Fehler – und welche sind seit 1997 genau so gewollt?
Das steht nirgends. Das wusste jemand.
Der Code bleibt. Was in Pension geht, ist das Warum.
Der Reflex ist die große Ablöse
Wenn das Wissen schwindet, ist der erste Gedanke: ersetzen. Ein neues System, sauber, dokumentiert, wartbar.
Diese Projekte scheitern zwischen 70 und 88 Prozent. Und zwar fast nie an der Technik.
Sie scheitern daran, dass niemand mehr vollständig sagen kann, was das alte System eigentlich tut. Man kann nicht ablösen, was man nicht beschreiben kann.
Jedes Ablöse-Projekt beginnt deshalb mit Archäologie. Und genau die war bisher so teuer, dass sie meistens zu kurz kam.
Die große Ablöse
Alles neu, sauber, dokumentiert. Scheitert in sieben bis neun von zehn Fällen – weil niemand mehr beschreiben kann, was das Alte tut.
Chatbot vorne drangeklebt
Ein Assistent auf der Website, während die eigentlichen Daten im Altsystem eingeschlossen bleiben. Sieht nach KI aus, ändert nichts.
Warten, bis jemand Zeit hat
Die Archäologie wird seit Jahren verschoben. Jedes Jahr Warten kostet einen weiteren Kenner.
Ablösen
Neues System, sauber und dokumentiert. Klingt richtig. Setzt aber voraus, dass jemand beschreiben kann, was das alte tut. Genau das kann niemand mehr.
Lesbar machen
Das alte System bleibt, wo es ist. Zuerst wird verstanden und aufgeschrieben, was es tut. Erst danach entscheidet man, was überhaupt ersetzt werden muss.
Was KI hier wirklich kann
Die meisten setzen KI vorne an. Ein Chatbot für Kunden, ein Assistent im Büro. Das Interessante passiert hinten.
Ein Sprachmodell liest dreißig Jahre alten RPG- oder COBOL-Code besser als jeder neue Mitarbeiter. Es ermüdet nicht bei drei Millionen Zeilen. Und es kennt diese Sprachen, auch wenn sie sonst kaum jemand mehr kennt.
In einer Untersuchung an über 3,4 Millionen Zeilen COBOL stimmten die maschinell herausgelesenen Geschäftsregeln fast vollständig mit denen überein, die Fachleute von Hand geschrieben hatten.
Das ist die eigentliche Nachricht: Die Archäologie, die Ablöse-Projekte bisher erdrückt hat, ist plötzlich bezahlbar.
Und dann kommt MCP
Lesbar ist der erste Schritt. Erreichbar ist der zweite.
MCP steht für Model Context Protocol. Es ist ein Standard, über den ein KI-Assistent an ein System andocken kann. Man beschreibt einmal, welche Daten und Funktionen es gibt. Ab dann kann der Assistent damit arbeiten.
Für ein Altsystem heißt das etwas Unerwartetes: Man muss es nicht anfassen.
Es bleibt, wo es ist, und läuft weiter wie seit dreißig Jahren. Davor kommt eine dünne Schicht, die sagt: hier sind die Aufträge, hier die Lagerbestände, hier die Kundenhistorie.
Und plötzlich fragt man die AS/400 aus einem Chatfenster.
Ticket #4471 an die IT
Wartet auf Abfrage-Entwicklung
Stand: zum Zeitpunkt der Lieferung veraltet
So sieht das an einem gewöhnlichen Vormittag aus:
Am Altsystem wurde nichts geändert. Kein Export, keine Kopie, keine Migration.
Das Altsystem hört auf, eine Sackgasse zu sein. Es wird zu einer Datenquelle wie jede andere.
Das ersetzt keine Modernisierung. Es tut etwas Besseres: Es nimmt den Druck raus. Wer aus dem Altsystem heraus arbeiten kann, muss es nicht in Panik ablösen.
Wo das trägt
Das Muster ist überall dasselbe, wo ein Kernsystem über Jahrzehnte gewachsen ist.
Stücklisten, Rückmeldungen aus der Produktion
Lagerbestände, Konditionen, Kundenhistorie
Sendungsdaten, Disposition
Vertragsbestände, Tarifregeln
Kernbanksysteme, Buchungslogik
Zählerdaten, Abrechnungsläufe
Die richtige Reihenfolge
Lesbar machen
Das Modell liest den Bestand und schreibt auf, was drinsteht: Abläufe, Regeln, Datenwege. Zum ersten Mal seit Jahren gibt es wieder eine Beschreibung, die stimmt.
Erreichbar machen
Eine MCP-Schicht davor, und die Daten sind aus dem Chat nutzbar. Ohne Migration, ohne Eingriff, ohne Risiko für den laufenden Betrieb.
Dann erst entscheiden
Jetzt sieht man, was wirklich ersetzt werden muss – und was einfach weiterlaufen darf. Meistens ist es weniger, als man befürchtet hat.
Das Altsystem ist nicht das, was der KI im Weg steht. Es ist das, worauf man die KI zuerst ansetzen sollte. Dort liegt das Wissen, das Ihnen sonst bis 2030 abhandenkommt.